2013-01-30

30.01.13

Mal wieder trage ich meinen Mantel aus Dunkelheit.
Aber diesmal schleift er nicht durch Schnee, das macht es ein wenig erträglicher.
Doch trotzdem ist der Saum nass, von dem unsichtbaren Blut.
Jenes Blut, das die ganze Straße bedeckt, den Bürgersteig.
Vergossen bei den kleinen Kriegen, die in den Köpfen der Menschen ausgetragen werden.
Imaginäre Diskussionen, bei denen sie sich nur selbst verletzten.
Und sie bluten. Sie alle. 
Auch ich blute, aber nicht heute Abend.
Heute ist nur mein Umhang befleckt von den Spuren der Zerstörung.
Den Spuren des Lebens.
Ist es nicht merkwürdig, dass man Blut gleichzeitig mit Brutalität und Tod und mit Leben assoziiert?
Heute Abend bin ich unversehrt, fühle mich gesund.
Als noch der Schnee die Straßen bedeckte, habe ich ihn verflucht.
Wo er tagsüber doch mein Freund ist, wird er bei Anbruch der Dunkelheit ein Verräter, ein trügerischer Gefährte auf meinen Wegen.
Er dämpft die Schritte, die ich so fürchte.
Jetzt, wo kein Schnee mehr liegt, dachte ich es wäre einfacher.
Ohne Angst durch die Straßen gehen, ob mit Dunkelheit oder ohne.
Aber der Asphalt ist ebenso trügerisch.
Er spielt mir vor, ich würde Schritte hören, die nicht meine sind.
Er singt mir Lieder, damit ich Stimmen höre.
Wenn es Dunkel ist, ist alles doch nur noch Diener des Todes.
Alles außer dem Mond.
Aber der Mond ist so fern, er kann mich nicht schützen. Und all die Sterne erst recht nicht.
Die Monster jagen mich weiter durch die Gassen. 
Hetzende Schritte. Es sind nichts als die zamen Wölfe des Todes, die nur er beherrscht und sie jagen mich wie ein junges, verwundetes Reh, lassen mich nicht ausruhen.
Ich erkenne: Nicht nur die Kälte will töten.
Sie alle. Sie alle wollen mich blutend am Boden sehen.
Aber ich wil heute Abend nicht bluten. Habe schon genug geblutet.
Dann ist es als würde der Wind mich forttragen, für einen Moment.
Ist der Wind der Dunkelheit Feind oder Freund?
Ich weiß es nicht.
Ich weiß es nicht.
Ich weiß nur, dass er mich küsst.
Am ganzen Körper.
Und er kann es nicht lassen, mich zu necken.
Erst liebkost er mich, dann verschwindet er wieder kurz.
Will er mich verführen, um mich dann den hungrigen Wölfen der Dunkelheit zum Fraß vorzuwerfen?
Oder liebt er mich wirklich?
Nein. Er ist auch ein Verräter.
Ich spüre schon, wie er meine Hände betäubt, damit ich mich nicht wehren kann.
Und er hat auch die Kälte mitgebracht, die mich jetzt fest verschnürt, zu einem kleinen Paket.
Ich kann nicht richtig Atmen, die Schnüre schneiden in meine Handgelenke, meine Knöchel, meinen Hals.
Niemals war ich so einsam.
Niemals war ich so gefangen.
Und niemals war ich freier, als nachdem der Mond mich tatsächlich gerettet hat.
Der Mond. Der wunderschöne Mond. Die Sonne der Nacht. Mutter der Sterne.
Er konnte mich retten, trotz der Entfernung.
Nur der Anblick, nur der Anblick dieses riesigen, leuchtenden Jadesteins.
Mut fehlt oft, aber vertreibt Angst.

1 Kommentar:

„The words were caught in my mind like in a golden cage, until someone opened the door and set them free.“