2013-01-07

Geschenk

Europa, du hast mir etwas sehr wertvolles Geschenkt.
Um genau zu sein vieles, was wahrscheinlich nicht jeder als wertvoll bezeichnen würde. 
Aber weil du nicht jeder bist wirst du verstehen, warum das so viel für mich bedeutet.

Du hast mir deine verrücktesten Gedanken geschenkt, einen ersten Satz, der mich zum nachdenken gebracht hat.
Du hast mir Vertrauen geschenkt und mir deine Lüste gezeigt.
Du hast mir viele nächtliche Stunden geschenkt, in denen ich mich dank dir nicht mehr so allein und leer gefühlt habe.
Du hast mir Gedanken geschenkt, die meinen Kopf gefüllt haben.

Und weil ich nicht immer nur nehmen will, schenke ich dir eine Geschichte, denn ich weiß, dass du Geschichten magst.
Es ist eine Geschichte, die ich nicht selbst erlebt hat, aber sie ist meiner Fantasie entsprungen und Fantasie ist doch nichts weiter als eine verzerrte Spiegelung der Realität, oder?
Ich hoffe du magst sie. 



Und es kam zu dem Tag, an dem Chesna vergaß, wofür man lebte.
Es war ein schöner Tag. Die Sonne fütterte die Erde mit ihrer Wärme und ihrem Licht und ließ das Meer türkisblau glitzern.
Dort saß Chesna, auf einer Klippe und ließ die Füße über dem Ozean, der rhythmisch an dem kalten Stein der Insel leckte, baumeln. 
Sie hatte keine Angst zu stürzen, denn wofür lebte man, dass das Leben besser war als der Tod und sie fand, dass die Wellen und die weiße Gischt, von der sie gekrönt wurden, so hübsch aussahen, dass sie gerne ein Teil davon werden wollte.
Ehrfürchtig überblickte sie die riesige blaue Fläche vor ihren Füßen. Der Horizont nichts weiter als eine dünne Linie.
Was befindet sich dahinter?
Was beginnt, wenn meine Welt endet?
Was passiert, wenn man den Horizont berührt?
Diese Fragen und noch viele weitere stellte sich Chesna, als sie an dem Tag, an dem sie vergaß wofür man lebte, dort oben auf der Klippe saß.
Was würde passieren, wenn sie sich einfach fallen ließe und die wilde Oberfläche durchbrechen würde?
Würde sie untergehen wie ein Stein oder an der Oberfläche zu Gischt werden?
Ihre kalten, kleinen Hände krampften sich in den von Kratern übersäten Stein, auf dem sie saß und sie hatte ein Gefühl in der Brust, das wie Angst war, aber doch ganz anders.
„Es ist doch egal, ob ich jetzt sterbe oder in ein paar Jahren, wenn ich alt bin und das Leiden dieser Welt kennen gelernt habe. Es gibt nichts, das eine Bedeutung hat, die groß genug ist, mir das Leben schmackhaft zu machen!“
Das waren die Worte, die Chesna am Morgen ihrer Mutter mitgeteilt hatte. 
In Chesnas kleinem, von schwarzen Locken umspielten Kopf rasten die Gedanken. Immer im Kreis, wie ein Karussell.
Leben und Sterben, das waren zwei Dinge, die unterschiedlich waren, aber doch zusammen gehörten, wie der linke Schuh zum Rechten. 
Am Abend zuvor hatte Mama Chesna eine Geschichte erzählt. Die Geschichte vom Jungbrunnen, der ewige Jugend schenkte und das Altern aufhielt. Viele hatten dieses Brunnen vergeblich gesucht, aber Chesna hatte ihn, ohne es sofort zu merken, dort oben auf der Klippe gefunden.
Wenn man jung starb, war man für immer jung. Selbst wenn der Körper unter der Erde verweste oder als Asche in den Ozean gestreut wurde, lebte man in den Erinnerungen der Menschen immer jung weiter.
Chesna schloss die Augen. Sie wollte jetzt eine Entscheidung treffen. Sollte sie sich dem Meer hingeben als Opfer an die Jugend, oder sollte sie auf der Erde bleiben und nach dem Sinn der Lebens und des Sterbens suchen?
Sie dachte an die Möwen und ihre Schreie, an den Schnee, an Blumen und Tee, Mamas Kuchen, an die Schmerzen die Mama für ihre Geburt auf sich genommen hatte. An kleine Kinderhände. 
Konnte das alles umsonst sein? Alles ohne Sinn und ohne Bedeutung?
Chesna stand auf und zog ihre schönen, neuen, indigoblauen Schuhe aus und warf sie ins Meer.
Das Meer sollte wenigstens einen Teil von ihr haben und zu Gischt machen. Es würde wohl noch etwas auf sie warten müssen.


Europa, diese Geschichte ist nur für dich. Sie könnte noch ewig weitergehen. Ich weiß nicht was mit Chesna passieren wird, denn das ist deine Entscheidung. Du kannst sie auf eine Weltreise schicken oder ihr eine Liebe schenken. Du kannst ihr einen Freund geben, der sie versteht. Du kannst sie all die verrückten Gedanken verwirklichen lassen, die wir hatten, um ihr zu zeigen was es heißt zu leben. Aber bitte, lass die Geschichte nicht hier enden. Lass Chesna weiterleben und wachsen. 


Der Weg zu Europas wundervollen Worten.



3 Kommentare:

  1. Ich möchte nur sagen: Wunder, wunder, wunderschön o: ;*

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  2. Was soll man denn dazu sagen?
    Es gibt nur ein einziges Wort:
    DANKE. (vor das Danke kannst du dir so schätzungsweise 82475928374684 Adjektive davor setzen, die ausdrücken, wie unglaublich viel Dank und Ehre in diesem Danke steckt.
    Ich lass sie nicht einfach gehen, bei John Green, ich werde sie nicht gehen lassen!
    Ich werde DICH nicht gehen lassen!

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  3. Ich bewundere es wirklich, wieviel Tiefe du einer so kurzen Geschichte zu verleihen vermagst. Wieder einmal wunderschön.

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„The words were caught in my mind like in a golden cage, until someone opened the door and set them free.“